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Hashimoto und Kinderwunsch – was sagt die aktuelle Forschung?

Dr. med. Wibke WilkeningSeptember 20266 min

Viele Patientinnen kommen zu uns mit der Sorge, ihre Hashimoto-Thyreoiditis mache eine Schwangerschaft unmöglich oder erhöhe das Fehlgeburtsrisiko deutlich. Diese Sorge ist verständlich, jedoch nur teilweise berechtigt. Die Forschungslage ist differenzierter, als viele Beiträge im Internet vermuten lassen. Was wissen wir wirklich? Und was bedeutet das für Ihre Behandlung?

Was ist die Hashimoto-Thyreoiditis?

Die Hashimoto-Thyreoiditis ist eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem die eigene Schilddrüse angreift. Sie ist die häufigste Schilddrüsenerkrankung bei Frauen im gebärfähigen Alter. Charakteristisch sind erhöhte Schilddrüsenantikörper – vor allem TPO-Antikörper (Anti-TPO) – sowie eine im Ultraschall veränderte Schilddrüsenstruktur.

In frühen Phasen bleiben die Schilddrüsenwerte (TSH, fT3, fT4) oft im Normbereich. Man spricht dann von einer euthyreoten Hashimoto-Thyreoiditis – die Schilddrüse arbeitet noch normal, das Immunsystem greift sie aber bereits an.

Schreitet die Erkrankung fort, kann eine Schilddrüsenunterfunktion entstehen, die dann mit L-Thyroxin behandelt wird.

Welchen Einfluss haben TPO-Antikörper auf Schwangerschaft und Fertilität?

TPO-Antikörper sind mit einem erhöhten Risiko für Fehlgeburten und Frühgeburten assoziiert. Das zeigt eine Metaanalyse von Thangaratinam et al. (BMJ 2011) mit über 30 Studien. Dieser Zusammenhang gilt auch für Frauen mit normaler Schilddrüsenfunktion.

Die Ursache ist nicht vollständig geklärt. Diskutiert wird, ob die Antikörper direkt wirken oder ob sie Ausdruck einer allgemeinen Immunregulationsstörung sind, die auch die Einnistung des Embryos beeinflusst.

Die entscheidende Frage: Hilft L-Thyroxin bei normaler Schilddrüsenfunktion?

Das ist die Frage, die Patientinnen und Ärztinnen am meisten beschäftigt. Und hier ist die Studienlage klar:

TABLET-Studie (Dhillon-Smith et al., NEJM 2019)

In dieser randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten Studie wurden 952 euthyreote Frauen mit positiven TPO-Antikörpern und Kinderwunsch oder Fehlgeburtsanamnese randomisiert (476 L-Thyroxin 50 µg/Tag, 476 Placebo). Die Lebendgeburtenrate war in beiden Gruppen nahezu identisch (37,4 % vs. 37,9 %, p=0,74) – kein signifikanter Unterschied.

In einer Subgruppenanalyse zeigte sich bei Frauen mit überdurchschnittlich hohen TPO-AK-Werten (obere Hälfte der Studienpopulation) ein Hinweis auf eine reduzierte Fehlgeburtsrate unter L-Thyroxin (RR 0,66, p=0,04). Dieser Effekt war auf die Lebendgeburtenrate aber nicht signifikant und in der Gesamtpopulation nicht reproduzierbar. Er wird in der Literatur als hypothesengenerierend gewertet, nicht als Behandlungsempfehlung.

T4LIFE-Studie (van Dijk et al., Lancet Diabetes & Endocrinology 2022)

Auch in dieser multizentrischen, doppelblinden Phase-3-Studie bei Frauen mit wiederholten Fehlgeburten und positiven TPO-Antikörpern ergab die L-Thyroxin-Behandlung keinen Vorteil gegenüber Placebo hinsichtlich der Lebendgeburtenrate.

Was bedeutet das?

Bei euthyreoter Hashimoto-Thyreoiditis, also normaler Schilddrüsenfunktion trotz positiver Antikörper, ist eine routinemäßige L-Thyroxin-Gabe nach aktuellem Evidenzstand nicht empfohlen. Die Studiendaten sprechen dagegen.

Anders verhält es sich, wenn:

  • Der TSH-Wert erhöht ist (subklinische oder manifeste Hypothyreose) – dann ist L-Thyroxin indiziert
  • Der TSH-Wert im oberen Normbereich liegt (> 2,5 mIU/L) bei gleichzeitig positiven Antikörpern und Kinderwunsch. Hier ist eine individuelle ärztliche Entscheidung sinnvoll
  • Eine Schwangerschaft eingetreten ist. Dann sollte die Schilddrüsenfunktion engmaschig kontrolliert werden, da der Bedarf in der Frühschwangerschaft steigt

Welcher TSH-Wert ist bei Kinderwunsch anzustreben?

Bei bekannter Hashimoto-Thyreoiditis und Kinderwunsch empfehlen aktuelle Leitlinien, den TSH-Wert in den unteren Normbereich einzustellen, in der Regel bis 2,5 mIU/L.

Was ist mit Selen?

Selen ist ein Spurenelement, das an der Schilddrüsenhormonproduktion beteiligt ist. Einige Studien zeigen, dass eine Selensubstitution die TPO-Antikörpertiter senken kann. Ein klinisch relevanter Effekt auf Schwangerschaftsraten oder Fehlgeburten ist bislang jedoch nicht in hochwertigen randomisierten Studien belegt. Die Einnahme von Selen ist in Mengen bis 200 µg täglich als sicher eingestuft.

Was wir Ihnen sagen möchten

Hashimoto ist keine Diagnose, die Ihre Chancen auf eine Schwangerschaft automatisch verschlechtert. Viele Patientinnen mit Hashimoto werden unkompliziert schwanger und tragen ihre Schwangerschaft gesund aus. Entscheidend ist, dass die Schilddrüsenfunktion regelmäßig kontrolliert und bei Bedarf behandelt wird.

Wenn Sie positive TPO-Antikörper haben, aber normale Schilddrüsenwerte, und sich fragen, ob Sie L-Thyroxin nehmen sollten – unsere ehrliche Antwort auf Basis der aktuellen Datenlage lautet: routinemäßig nein. Aber eine individuelle Bewertung Ihrer Situation, Ihrer Werte und Ihrer Vorgeschichte ist immer sinnvoll.

Dr. med. Wibke Wilkening ist geschäftsführende Ärztin der Praxis für Fertilität – Kinderwunsch- und EndometrioseZentrum Berlin.

Quellen

  • Thangaratinam S et al. (2011): Association between thyroid autoantibodies and miscarriage and preterm birth. BMJ 342:d2616
  • Dhillon-Smith RK et al. (2019): Levothyroxine in women with thyroid peroxidase antibodies before conception (TABLET). N Engl J Med 380:1316–1325
  • van Dijk MM et al. (2022): Levothyroxine in euthyroid TPO-Ab positive women with recurrent pregnancy loss (T4LIFE). Lancet Diabetes Endocrinol 10:322–329
  • Man R, Dhillon-Smith RK, Korevaar TIM (2025): Levothyroxine supplementation trials in preconception and pregnant women. Eur J Endocrinol 192:R7–R15
  • AWMF S2k-Leitlinie (2025): Diagnostik und Therapie von Schilddrüsenerkrankungen bei Kinderwunsch und Schwangerschaft
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