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Plasmazelldiagnostik – wenn die Gebärmutterschleimhaut chronisch entzündet ist

Dr. med. Susann KreuzSeptember 20267 min

Wenn Embryotransfers wiederholt nicht zur Schwangerschaft führen oder Fehlgeburten sich wiederholen, suchen wir als nächsten Schritt nach Ursachen, die nicht auf den ersten Blick sichtbar sind. Eine davon ist die chronische Endometritis (CE) – eine stille, oft symptomlose Entzündung der Gebärmutterschleimhaut, die durch erhöhte Plasmazellen nachgewiesen wird. Was diese Diagnose bedeutet, wie die Untersuchung abläuft und was die aktuelle Wissenschaft dazu sagt, erklären wir hier.

Was ist eine chronische Endometritis?

Die chronische Endometritis (CE) ist eine anhaltende Entzündung des Endometriums, der Schleimhaut, die die Gebärmutter auskleidet und in der sich ein Embryo einnisten muss. Im Unterschied zur akuten Endometritis, die mit Fieber, Unterleibsschmerzen und Ausfluss einhergeht, verläuft die chronische Form meist ohne spürbare Beschwerden. Viele Betroffene wissen nicht, dass sie betroffen sind.

Die Entzündung ist gekennzeichnet durch eine Infiltration von Plasmazellen in die Gebärmutterschleimhaut. Plasmazellen sind spezialisierte Immunzellen, die Antikörper produzieren; im gesunden Endometrium kommen sie normalerweise nicht vor. Ihr Nachweis ist deshalb ein verlässliches Zeichen für einen entzündlichen Prozess.

Wie häufig ist eine chronische Endometritis bei Kinderwunschpatientinnen?

Die Prävalenz schwankt in der Literatur erheblich: je nach Patientinnenkollektiv und verwendetem Diagnosekriterium zwischen 10 und 50 %. Die Spannbreite erklärt sich durch fehlende Standardisierung: Es gibt bislang keinen internationalen Konsens darüber, ab wie vielen Plasmazellen pro Gesichtsfeld eine Diagnose gestellt wird (Kuon & Vomstein, Springermedizin 2024).

Für das Kinderwunsch-Kollektiv lassen sich aus der Literatur folgende Orientierungswerte ableiten:

  • Bei Patientinnen mit wiederholtem Implantationsversagen (RIF) schwanken die Angaben je nach Studie erheblich, von etwa 6 % bis über 40 % (Liu et al. 2018)
  • Bei Patientinnen mit wiederholten Fehlgeburten bei ca. 10–12 % (Uniklinikum Jena)
  • Bei infertilen Frauen tritt CE signifikant häufiger auf als bei fertilen Frauen (19,46 % vs. 7,7 %, p = 0,001; Ticconi et al. 2024)

Wichtig: Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit (Ticconi et al. 2024) fand keinen signifikanten Unterschied in der CE-Prävalenz zwischen RIF-Patientinnen und fertilen Kontrollen (6,35 % vs. 5,8 %, p = 0,9). Das bedeutet: Die Assoziation zwischen CE und RIF ist in der Forschung nicht eindeutig gesichert.

Wie wird die Diagnose gestellt?

Der immunhistochemische Nachweis von CD138

Der Goldstandard der CE-Diagnostik ist der Nachweis von CD138-positiven Plasmazellen im Endometriumbiopsat mittels Immunhistochemie (Kuon & Vomstein 2024, Springermedizin).

CD138 (Syndecan-1) ist ein Oberflächenmolekül, das Plasmazellen zuverlässig anfärbt und sie von anderen Immunzellen unterscheidbar macht. Eine Biopsie aus der Gebärmutterschleimhaut wird histologisch aufgearbeitet und auf CD138-positive Zellen untersucht.

Wie läuft die Untersuchung ab?

  • Endometriumbiopsie (Pipelle-Biopsie): Ein dünner, flexibler Katheter wird durch den Gebärmutterhals eingeführt und entnimmt eine kleine Gewebemenge aus der Schleimhaut. Der Eingriff dauert wenige Minuten, ist ambulant und in der Regel gut verträglich.
  • Immunhistochemische Aufarbeitung: Das Gewebe wird ins Labor geschickt und auf CD138-positive Plasmazellen untersucht.
  • Befundauswertung: Gezählt wird die Anzahl der Plasmazellen pro Gesichtsfeld (HPF = High-Power Field). Ab ≥ 5 CD138-positiven Plasmazellen pro HPF gilt die Diagnose CE nach gängiger Praxis als gesichert – wobei, wie oben beschrieben, kein internationaler Konsens zu diesem Schwellenwert besteht.

Wann führen wir die Biopsie durch?

Die Biopsie erfolgt idealerweise in der zweiten Zyklushälfte. Bei Patientinnen ohne spontane Zyklen kann sie im Phantomzyklus unter definierter Hormonvorbereitung entnommen werden.

Was sagen die aktuellen Studiendaten zur Behandlung?

Antibiotikabehandlung bei ausgeprägter CE

Bei einem CD138-Befund von ≥ 5 Plasmazellen pro HPF zeigen die vorliegenden Daten einen Therapieeffekt. Eine Kohortenstudie mit 640 Frauen (Xiong et al., Fertility & Sterility 2021) untersuchte den Einfluss einer oralen Antibiotikabehandlung auf die Schwangerschaftsraten beim Kryotransfer:

  • Die Heilungsrate nach Antibiotikatherapie lag bei 89 % (bei CD138 ≥ 5/HPF)
  • Nach erfolgreicher Behandlung (CD138 ≤ 4/HPF) waren Implantationsrate (51,6 % vs. 32,3 %), klinische Schwangerschaftsrate (65,7 % vs. 42,3 %) und Lebendgeburtenrate (52,1 % vs. 30,7 %) signifikant höher als bei persistierender CE

Milde CE: Evidenz ist weniger eindeutig

Bei mildem Befund (1–4 Plasmazellen/HPF) ist die Datenlage komplexer. Eine aktuelle Studie mit 681 Patientinnen mit milder CE (Xu et al., Fertility & Sterility 2025) fand keinen signifikanten Unterschied in der Lebendgeburtenrate zwischen behandelten und unbehandelten Frauen (47,5 % vs. 51,8 %, RR 0,92, 95 % CI 0,78–1,08). Die Diagnosestellung und das therapeutische Vorgehen bei milden Befunden bleibt damit eine klinische Einzelfallentscheidung.

Besonderheit bei Endometriose

Eine Studie der Medizinischen Universität Wien (Hager et al., Sci Rep 2026) untersuchte 92 infertile Frauen mit CE. Bei Patientinnen mit gleichzeitig vorliegender Endometriose war das Risiko einer persistierenden CE nach Antibiotikagabe signifikant erhöht (OR 2,893, p = 0,026), ebenso bei Adenomyose (OR 10,277, p < 0,001). In der multivariablen Auswertung blieb allerdings nur die Adenomyose eigenständig signifikant. Das bedeutet: Vor allem bei Adenomyose, aber auch bei Endometriose kann eine zweite Kontrollbiopsie nach der Therapie sinnvoll sein.

Welche Antibiotika werden eingesetzt?

Die am häufigsten eingesetzte Substanz in der Literatur ist Doxycyclin (100 mg zweimal täglich über 14 Tage). Alternativ oder kombiniert werden Levofloxacin und Metronidazol eingesetzt. Die konkrete Therapieentscheidung trifft Ihre Ärztin auf Basis des Befundes und Ihrer individuellen Situation.

Nach der Behandlung empfehlen wir in der Regel eine Kontrollbiopsie, um den Therapieerfolg zu sichern, insbesondere bei ausgeprägtem Ausgangsbefund oder gleichzeitig vorliegender Endometriose.

Für wen ist die Plasmazelldiagnostik sinnvoll?

Wir empfehlen die Untersuchung bei:

  • Wiederholtem Implantationsversagen (mindestens 3 erfolglose Embryotransfers trotz guter Embryoqualität)
  • Wiederholten Fehlgeburten (≥ 2 Fehlgeburten)
  • Ungeklärter Infertilität ohne anderen Befund

Die Diagnostik ist kein Routineschritt am Anfang einer Kinderwunschbehandlung, sondern wird gezielt eingesetzt bei Patientinnen, bei denen andere Ursachen bereits ausgeschlossen wurden oder bei denen der klinische Verdacht besteht.

Was kostet die Untersuchung?

  • Biopsie (ärztliche Leistung): ca. 100 €
  • Laboruntersuchung (GKV-Patientinnen): derzeit Kassenleistung
  • Laboruntersuchung (PKV / Selbstzahler): ca. 160 €

Bei Nachweis einer CE und anschließender Antibiotikatherapie entstehen zusätzliche Kosten für die Kontrollbiopsie und das Medikament. Wir beraten Sie gerne im Gespräch über die für Sie anfallenden Kosten.

Was wir Ihnen ehrlich sagen möchten

Die Plasmazelldiagnostik ist ein nützliches Werkzeug, jedoch kein Allheilmittel. Die Forschungslage ist differenziert: Bei ausgeprägter CE und erfolgreicher Behandlung zeigen Studien verbesserte Schwangerschaftsraten. Bei milder CE ist der Nutzen einer Antibiotikabehandlung nach aktuellem Stand nicht klar belegt.

Was wir Ihnen versprechen können: Wir werten den Befund sorgfältig aus, erklären Ihnen, was er bedeutet und was er nicht bedeutet. Wir entscheiden gemeinsam mit Ihnen, ob und wie wir weiter vorgehen. Kein unnötiger Eingriff, keine Überbehandlung, aber auch kein Wegsehen, wenn ein Befund vorliegt, der behandelbar ist.

Dr. med. Susann Kreuz ist geschäftsführende Ärztin der Praxis für Fertilität – Kinderwunsch- und EndometrioseZentrum Berlin.

Quellen

  • Ticconi C et al. (2024): Chronic endometritis and recurrent reproductive failure: a systematic review and meta-analysis. Front Immunol 15:1427454
  • Xiong Y et al. (2021): Impact of oral antibiotic treatment for chronic endometritis on pregnancy outcomes. Fertil Steril 116(2):413–421
  • Kuon RJ & Vomstein K (2024): Springermedizin – Bedeutung der chronischen Endometritis bei RIF und wiederholten Fehlgeburten
  • Hager M, Ott J, Holzer I, Walch K, Marschalek J et al. (2026): A retrospective analysis of chronic endometritis and antibiotic therapy in patients with endometriosis. Sci Rep. DOI: 10.1038/s41598-026-48809-4
  • Xu Y et al. (2025): The effect of antibiotic treatment on pregnancy outcomes in patients with mild chronic endometritis undergoing IVF. Fertil Steril 124(4):711–719
  • Uniklinikum Jena – Plasmazellen CD138+: Patienteninformation
  • Liu Y, Chen X, Huang J, Wang CC, Yu MY, Laird S, Li TC (2018): Comparison of the prevalence of chronic endometritis as determined by means of different diagnostic methods in women with and without reproductive failure. Fertil Steril 109(5):832–839
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